Huforthopädie

 

Einige Fälle aus der Praxis der Rehabilitation

Diesem 20- jährigen Wallach wurde vor 3 Monaten die Hufeisen abgenommen. Er zeigte nach jedem Neubeschlag eine steile Fesselstellung und wenig Losgelassenheit. Zwei Monate später wurde er das erste Mal huforthopädisch behandelt. Gleichzeitig wurde er schon zwei Wochen nach physiologischen Grundsätzen regelmäßig trainiert. Die Behandlung verlief überraschend positiv.
 
Drei Wochen nach der ersten huforthopädischen Behandlung zeigte der Wallach schon eine schrägere Fesselbeinstellung, was auch die Schulterschräge positiv beeinflusst. Der Wallach zeigt jetzt in der Reitbahn eine bessere Schulterbeweglichkeit und ist seitdem beherzt gehfreudig.

Tragrandverlust, die damit veränderte Fußstellung und seine Wiederherstellung

Der folgende Fall zeigt, wenn es um die Ursachenforschung geht, dass auf diagnostische Massnahmen nicht verzichtet werden sollte. Röntgenaufnahmen können nicht immer einen Befund eindeutig bestätigen, aber so manche Ursachen ausschließen. Die Ursachenforschung kann wie in diesem Fall mit erheblichem Aufwand verbunden sein. Um aber eine erfolgreiche huforthopädische Behandlung zu erreichen, ist es unerlässlich, sich die Meinung eines Tierarztes einzuholen.
Eine akute Hufrehe konnte anhand der Diagnose nicht bestätigt werden. Dennoch liegt eine Reheveranlagung vor. Trotz der untypischen Rehesymtome beschlossen wir, die Rehebehandlung mittels Beschlag abzubrechen und die Hufeisen abzunehmen. Wegen der starken Entlastungsschliffe an der Hufsohle waren die Hufe extrem druckempfindlich geworden.
 
Abgebildet ist ein typischer Rehebeschlag. Die frontale Hufwand ist stark abgeschliffen worden und hat den Tragrand des Hufes geschwächt. Das ungenügende Wachstum der Trachten wurde durch Schaumkissen ausgeglichen. Die Stellung des Fesselbeines ist steiler eingestellt und sollte entlastend auf für den Huf wirken.
18- jähriger Islandwallach mit Rehebeschlag. Auf dem Bild wird schon deutlich, dass durch die steile Stellung der beschlagenen Hinterhufe und die damit verbundene steile Winkelung der Hintergliedmassen das Pferd stark überbaut wirkt. Zu diesem Zeitpunkt bildeet der Schecke auch einen starken Muskeltonus aus.
Das Aufstellen des Vorderbeines auf einem Moosgummipad zeigt die Möglichkeit einer steileren Hufstellung. Das Ausmaß des Tragrandverlustes ist aus dieser Perspektive ebenfalls deutlich ersichtlich. Zu diesem Zeitpunkt waren schon physiologische Trainingseinheiten durchgeführt worden. Es gilt dabei die Kondition des Pferdes nicht zu sehr abbauen zu lassen. Gleichzeitig wollen wir den starken Muskeltonus positiv beeinflussen. Mit gezielter Muskeltätigkeit mobilisieren wir den Bewegungs- und Stützapparat, um eine steilere Stellung der Vorhand zu erreichen. Die damit verbundene Korrektur der Hufstellung macht dann erst Sinn.
Der Verlust des Tragrandes zeigte sich von der Ansicht des Trittsiegels deutlich. Die Schubkräfte, welche bei Bodenkontakt des Hufes auftreten, konnten nicht mehr kompensiert werden und so kam es zu einer unphysiologischen Kräfteverteilung auf den Aufhängeapparat der Hornkapsel. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die feinen kapillaren Strukturen schon so geschädigt, dass die alte Hornkapsel regelrecht abgestossen wird. Es dauert ein Jahr bis neues Hufmaterial vom Kronenrand herunterwächst. Als Barhufgänger wird die neue Hornkapsel eine veränderte Beschaffenheit und Eigenschaften aufweisen.
 
Mit den Wochen der Therapie wächst die Hornkapsel zügig nach und schiebt somit die alte Hornkapsel vor sich her. Die flache Neigung der alten Hornkapsel lässt die Feststellung zu, dass die Hornkapsel sich vom Hufbein entfernt und nicht umgekehrt. Das Bild zeigt die durch spezielle Feiltechnik angepasste alte Hufkapsel. Die bei Rehe typische Schnabelbildung wird immer wieder zurück genommen.

Die neue Hornkapsel zeigt einen wesentlich steileren Winkel und lässt die Annahme zu, dass wir das Vorderbein mehr aufrichten können. In dieser Phase des Hufwachstums ist die Lastenübernahme des Hufes unberechenbar. Auf ebenem Boden funktioniert der Hufmechanismus nahezu beschwerdefrei. Auf unebenem Boden, wo Kippbewegungen und Rotationen hinzukommen, treten stichartige Schmerzen auf. Schmerzen führen letztendlich zu Schonhaltungen und stören den Bewegungsfluss des Pferdes empfindlich.
 
Während der bisherigen Therapiezeit hatten wir einige Rückschläge zu verkraften. Durch unkontrollierte Bewegungen im Herdenverband kam es einmal zu starker Lahmheit. Das Pferd handelte sich zum Glück nur leichte Druckstellen an der noch zu dünnen Hufsohle ein. Da das Hufgewölbe durch den vorangegangenen Rehebeschlag stark ausgedünnt war, kam es zu Blutergüssen an der Hufsohle. Um dies zu vermeiden, setzten wir bei Bedarf (z.B. auf dem Weg zur Koppel) Hufschuhe ein, die wir mit Moosgummipads ausgepoltert hatten.

Die Gangschulung für den Islandpferdewallach wirkte sich positiv auf auf das ganze Pferd aus. Auf dem feucht gehaltenen weichen Untergrund des Naturbodens unseres kleinen Reitplatzes konnten wir die Abrollbewegung des Hufes genau beobachten. Die täglichen Bewegungseinheiten mit nachträglichen kalten Güssen an Gliedmassen und dem Bauch brachten den Muskeltonus auf ein vertretbares Maß. Auch der gestörten Stoffwechsel des Pferdes konnte durch Regelmäßigkeit der Anwendungen und Training günstiger eingestellt werden.
Mit einfachen Methoden kamen wir innerhalb der Behandlungs und Trainingszeiten gut zurecht. Anfangs unterstützten wir mit manuellen Übungen am Vorderbein die Mobilität. Wir wollten die Strecksehne entsprechend dehnen, um nicht die Beugesehne durch Entlastung zu verkürzen. Mittels Kneippkuren erreichten wir eine vermehrte Durchblutung des Oberarm- und Schultermuskulatur. Der Lymphkreislauf wird vermehrt angeregt.

Der Islandwallach stand vor seiner Verletzung und der Reheerkrankung gut im Training. Mit bald begonnener Gangschulung versuchten wir seinen Fitnesszustand zu erhalten und trotzdem den überdurchschnittlich starken Muskeltonus auf ein normales Maß zu senken.
Als ich diese Textseite verfasste, hatten wir den Schecken schon wieder im Training. Immer wieder stockte ich bei der Weiterführung dieses Beitrages, da die Rückschläge nicht ganz unerheblich waren. Viele Haltungsfehler wären zu vermeiden gewesen.

Unser Optimismus gab uns dann doch recht. Inwieweit das Physiotraining das Vorderbein aufzurichten vermag, soll nun das weiter Bildmaterial verdeutlichen.
Nach einem Monaten huforthopädischer Behandlung und unserem letzten Rückschlag beschlossen wir, einen Einzelpaddock an unseren Offenstall anzubringen und den Wallach isoliert von den anderen zu stellen. Wir taten gut daran, denn das Hufbild zeigte wenige Tage später zahlreiche kleine Blutergüsse sowie eine erweiterte weiße Linie.
Das Ziel der Huforthopäden ist, durch gezieltes Schneiden und einer ausgeklügelten Feiltechnik, den Trachtenaufbau zu fördern, den Huf steiler zu stellen und das Trittsiegel zurück unter den Schwerpunkt des Hufes zu bekommen, ohne dabei den Tragrand der alten Hornkapsel zu schwächen.
Nach weiteren drei Monaten huforthopädischer Behandlung erkannte man eine Art Ausschuhen der alten Hornkapsel. Der Abstand des Tragrandes zur Hufspitze war jetzt deutlich gewachsen und die weiße aufgefächerte Linie sichtbar in Auflösung. Nun gilt es den alten Tragrand des Hufes zu erhalten, da die Gefahr eines Ausbrechens besteht und damit das weitere Training unmöglich machen würde.
Mit unserem Testset, bestehend aus etwas zu großen Hufschuhen und Moosgummieinlagen, können wir schon nach kurzer Tragedauer die Auswirkungen beim Auffussen des Beines ermessen. Durch das Auftreten des rechten Vorderhufes mit den Ballen versuchte das Pferd dem Druckschmerz auszuweichen. Dadurch kam es zu einer achsialen Rotation des Hufes, was durch ein Zusammenknüllen der Moosgummieinlage eindeutig belegt wurde.

Mit einer derartigen Ausgleichsbewegung wird auf die Dauer ein noch größerer Schaden am Halteapparat der Hornkapsel verursacht. Diese Phase war bei dem Schecken nur ca. zwei Wochen. Wir sorgten dafür, dass die Gangschulung auf weichem Boden durchgeführt wurde. Kneippkuren waren weiter an der Tageordnung. Manuelles Dehnen der Strecksehnen war zudem schmerzhaft.
 
Mit dieser Fotomontage wurden die beiden rechten Vorderbeine übereinander projeziert. Das dahinterliegend Bild zeigt den Fuss mit einer steileren Fesselneigung und ohne Säbelstellung der Röhre bzw. der Beugesehne. Er steht auf dem Moosgummipad.

Das daraufgelegte Bild zeigt den Fuss in Säbelstellung und das Fesselbein ist schräger. Die Hufspitze ist ca. 2 Zentimeter vorstehig, das Trittsiegel nicht unter dem Schwerpunkt.
Die beiden Einzelbilder zeigen den rechten Vorderfuss in unterschiedlicher Aufrichtung. Ohne Pad zeigt die Zehenstellung nach vorne, ohne das Bein in Rückstellung zu bringen. Keine Rückstellung des Beines kann auf regelmäßige Gymastizierung der Pferdes zurückzuführen sein.

Das andere Bild zeigt darüberhinaus schon deutlich den "Zehengriff" des Hufes in das Mooosgummipad, wie er durch ein normales Aufhufen zustande kommt. Das Pad wird nach hinten hochgeschoben.
 
In den drei Einzelbildern wird deutlich, welche Auswirkung die Stangenarbeit in der Reha-Arbeit auf Haltung, Ausdruck und Bewegung haben kann. Die Vorderbeine werden deutlich über das normale Mass angehoben. Die Schultertätigkeit nach vorne bringt das Vorderbein erst in die natürliche "Greifhaltung" und lässt so ein natürliches Auftreten und Abrollen über die Zehenspitze zu.

Das Hinterbein wird ebenfalls vermehrt angehoben und erreicht nach der Stange ein vermehrtes Auffußen unter den Schwerpunkt des Pferdes. Dadurch entsteht ein Spannungsbogen durch erhöhten Muskeltonus, der letztendlich die Energie aufbringt für den Vorwärtsschub, der im Normalfall über den Rücken läuft und von der Vorhand aufgegriffen werden kann. Die Rumpfträger heben den Brustkorb an, was den Ausdruck des Pferdes erhabener erscheinen läßt. Die Schulterblätter bekommen mehr Freiheit und werden nach vorne verlagert. Es entsteht Raumgriff.
Für unseren Geschmack ist der Muskeltonus des Schecken noch nicht in der idealen Größenordnung. Seine Oberlinie ist noch viel zu fest. Das Temperament ist aber nach sechs Monaten wieder das alte. Der Schecke überrascht uns fast täglich mit neuen Kapriolen. Die Huforthopäden können mit ihrer Arbeit sehr zufrieden sein. Das Training wird auch mit Belastung durch das Reitergewicht fortgesetzt.

Die Konstitution des Pferdes erlaubt es uns jetzt mit der Umstellung der Vorderhufe zu beginnen. Da sind die Huföthopäden gefordert. Das Pferd hat mittlerweile gelernt, über die Zehenspitzen abzurollen und schafft es dadurch, den Tragrand der alten Hornkapsel dorsal gleichmäßig abzuschleifen. Wie trainieren überwiegend auf Naturboden mit entsprechender Resilienz, was ein leichtes Einsinken der Hufe in den Boden erlaubt.

Dies ist nun der erste Teil.
 


Huforthopädie ist eine spezielle Form der Hufbearbeitung am unbeschlagenen Pferd, welche sich mit Diagnostik und Therapie von Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates des Hufes befasst.

Zu diesem Thema konnten wir das Netzwerk mit Elke und Bernd Sommer, beide geprüfte Huforthopäden, bereichern.

Elke und Bernd Sommer
89547 Dettingen
Mobil: +49 (0)151 - 72722503
Texte: Wolfgang Klein
Fotos: Wolfgang klein